Nostr und Tor gegen Big Data und Techno-Feudalismus
Unsere digitale Realität wird von mächtigen Playern beherrscht. An nahezu jeder Ecke werden persönliche Daten gesammelt und vermarktet. Das World Wide Web wird von Suchmaschinen, Domain-Name-Services und Zertifikatsstellen zentralisiert, während Netzanbieter den Datenverkehr und seine Metadaten protokollieren und filtern, freiwillig oder auf Geheiß. Aus Bequemlichkeit und Ignoranz hat sich die Mehrheit mit diesem Zustand abgefunden. Doch es gibt Gegenentwürfe zu dieser Ordnung. Das Nostr-Protokoll für soziale Interaktion und das Tor-Netzwerk für anonymes Hosten sind zwei davon. Auf den ersten Blick dienen sie vielleicht unterschiedlichen Zwecken. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch strukturelle Parallelen, die beide zu wichtigen Alternativen machen. Nostr ist eine Alternative zu sozialen Netzwerken, die auf Offenheit und volle Nutzerkontrolle setzt. Tor ist das Go-To für unzensiertes Publishing, weil es den Zugriff zentraler Stellen unterläuft. Beide teilen ein ähnliches architektonisches Prinzip, das auf Dezentralisierung und kryptografischer Identität beruht.
Der Feudalherr ist ins Netz gezogen
Um die Bedeutung dieser Alternativen zu begreifen, brauchen wir uns nur der Diagnose des Ökonomen Yanis Varoufakis zu bedienen. Politisch mag man von ihm halten, was man will, doch der von ihm geprägte Begriff des Techno-Feudalismus beschreibt die Gefahr, in der wir uns befinden. Varoufakis argumentiert, dass der Kapitalismus nicht fortschreitet, sondern durch ein neues System abgelöst wird, den technologischen Feudalismus. In dieser neuen Ordnung haben Big-Tech-Konzerne wie Amazon, Meta und Google die Rolle von Feudalherren übernommen. Sie besitzen nicht nur Land (was zunehmend auch zutrifft), sondern die digitalen Territorien der Plattformen und der Cloud. Das World Economic Forum hat die Devise "You will own nothing, and you will be happy" postuliert. Die Mietmodelle von Streaming, Car-Sharing und Domain-Registrierung sind die Boten dessen, was kommt. Die Nutzer werden zu modernen Leibeigenen, die für den Zugang zu diesen digitalen Lehnsgütern eine Art Cloud-Zins zahlen, entweder direkt oder mit ihren Daten und ihrer Aufmerksamkeit. Märkte und Profite, einst das Herz des Kapitalismus, werden durch die reine Macht der Plattformen und das Abschöpfen von Abgaben ergänzt oder gar ersetzt. Staaten selbst laufen Gefahr, zu Vasallen zu werden, da sie auf die Infrastruktur und Dienste dieser Technologiegiganten angewiesen sind. Die europäische Initiative zur Erlangung digitaler Souveränität ist löblich, wenn sie konsequent umgesetzt wird und es nicht bereits zu spät ist. Doch diese digitale Souveränität muss auch uns Bürgern zustehen.
Nostr und Tor als architektonischer Widerstand
Wir brauchen also Alternativen zu diesen Lehnsgütern, zu den zentralisierten Plattformen. Genau hier setzen Nostr und Tor an. Wie ich in meinem Blogpost "Füttere nicht die Kraken" geschrieben habe: "Konzentration von Geld und Macht ist der Umkehrschluss von gleichmäßig verteiltem Wohlstand. Zentralisierung vs. Dezentralisierung. Datenaggregation vs. Sharing." Nostr und Tor sind architektonische Dezentralisierung, die Antwort, die wir auf die von Varoufakis beschriebene Machtkonzentration brauchen. Die Macht liegt in der Zentralisierung und Enteignung. KYC bei der Registrierung, sei es in einem sozialen Netzwerk oder bei einer Domain. Die Pflicht, eine bestimmte IP-Adresse für eine Webseite zu nutzen oder eine Telefonnummer für die Nutzung einer App hinterlegt zu haben, gewährt externen Parteien Zugriff auf Daten über und vom Nutzer.
Zwei Systeme, ein Prinzip
Vergleicht man Nostr mit Tor, findet man zwei grundlegende Ideen, die zwar etwas unterschiedlich umgesetzt werden, aber beiden eigen sind. Beide Systeme ermöglichen Besitz durch den Einsatz von Kryptografie. Es muss nichts von Dritten gemietet werden. Bei Nostr ist man nicht auf einen Relais-Betreiber angewiesen. Man veröffentlicht mit der Signatur eines privaten Schlüssels und folgt den öffentlichen Schlüsseln anderer Nutzer, unabhängig von einem bestimmten Node. Bei Tor ist es ähnlich. Die Quelladresse einer Information ist Teil eines kryptografischen Schlüsselpaars, und der Weg zu den Daten wird von Node zu Node verschlüsselt, ohne Name-Service oder andere dritte Parteien. Jeder Node kennt nur seinen Vorgänger und seinen Nachfolger. Darüber hinaus sind beide Systeme offene Protokolle, die keinem Unternehmen gehören und von keiner Instanz kontrolliert werden. Ihre Entwicklung wird von Gemeinschaften getragen, die sich dezentral über Mailinglisten und Chaträume koordinieren. Diese Offenheit erzeugt die notwendige Resilienz. Der Ausfall eines einzelnen Relais oder Nodes hat keine Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Nutzer weichen einfach auf andere Relais oder Knoten aus, ohne ihre Kontakte oder gespeicherten Inhalte zu verlieren. Diese Redundanz ist bei zentralisierten Diensten undenkbar. Wenn eine Plattform ausfällt, sind alle stumm. Wenn eine Plattform einen User aussperrt, sind Reputation und Follower verloren, sofern sie nur über diese Plattform erreichbar waren. Deshalb sind Nostr und Tor gelebter Widerstand gegen die techno-feudale Logik. Sie schaffen Räume, die nicht durch Besitz, sondern durch Teilhabe definiert werden.
Privatsphäre ist die Macht zu wählen
Der Kern des Ganzen ist die Privatsphäre. Seit Eric Hughes wissen wir, dass Privatsphäre die Macht ist, sich selektiv zu offenbaren. Ich habe mich entschieden, diesen Post mit meinem Namen zu verbinden und diese Domain unter meinem Namen zu registrieren. Ich habe diesen Nostr-NPUB mit meiner Identität verknüpft, weil ich das so wollte. Andere Inhalte könnte ich auf einer .onion-Domain statt einer .net-Domain veröffentlichen, oder ich könnte unter einem anderen NPUB im Nostr-Netzwerk kommunizieren, völlig losgelöst von meiner Identität und damit außer Reichweite für jeden, der mich abschalten will. Alles was es braucht ist ein netzwerkfähiges, verbundenes Gerät. Wartet mal ab, bis Mesh-Networks in den Mainstream sickern.
Die Einwände verfehlen den Punkt
Keine Metadaten über Aufenthaltsort, Gerätetyp oder Surfverhalten, die erhoben werden könnten. Schlüsselpaare, die ohne Erlaubnis oder KYC erzeugt werden können und Zugang garantieren. Kritiker werfen oft ein, dass Nostr zu fragmentiert sei, weil es keine einheitliche Benutzeroberfläche gebe, und dass Tor zu langsam sei, weil die mehrfachen verschlüsselten Hops Latenz verursachen. Diese Einwände verfehlen den Punkt völlig. Fragmentierung ist kein Fehler, sondern eine Stärke. Die Langsamkeit von Tor ist der Preis für Anonymität, und Anonymität ist das Ziel. Für die meisten Anwendungsfälle, etwa das Lesen von Nachrichten oder das Versenden von E-Mails, ist Tor bereits schnell genug. Beide Systeme zeigen, dass Sicherheit und Freiheit nicht kostenlos sind, der Mehrwert aber die geringen Nachteile bei Weitem überwiegt.
Keine Manipulation, kein Master-Algorithmus
Die These, dass Nostr das bessere soziale Netzwerk ist, gründet auf der Abwesenheit von Manipulation. Kein Unternehmen kann Beiträge fördern oder unterdrücken, um politische Agenden zu verfolgen. Kein Werbekunde kann die Sichtbarkeit von Inhalten erkaufen. Die Timeline wird allein durch die Auswahl der gefolgten öffentlichen Schlüssel bestimmt. Diese radikale Einfachheit erinnert an die frühen Tage des Internets, als Foren und Mailinglisten noch von der Community selbst verwaltet wurden. Nostr führt diese Idee in die Gegenwart fort, indem es moderne Kryptografie nutzt, um Vertrauen ohne zentrale Instanz herzustellen. Tor führt die Idee eines freien, anonymen Webs fort, das nicht von Zertifikatsstellen oder Domain-Registraren abhängt. Wer eine .onion-Adresse betreibt, ist unabhängig von jedem staatlichen oder kommerziellen Akteur. Diese Unabhängigkeit ist das eigentliche Versprechen des ursprünglichen Webs, das durch Protokolle wie HTTP und HTML zwar offen war, aber nie anonym oder zensurresistent. Genau diese Unabhängigkeit ist die Antwort auf die von Varoufakis beschriebene Entwicklung hin zu einer neuen Form der Leibeigenschaft im digitalen Raum.
Zwei Seiten einer Medaille
Nostr und Tor sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide setzen dezentrale Netzwerke, kryptografische Identitäten und freiwillige Betreiber ein, um Macht von großen Institutionen hin zu einzelnen Nutzern zu verlagern. Sie zeigen, dass Technologie nicht zwingend zu mehr Kontrolle führen muss, sondern auch zu Teilhabe und Freiheit führen kann. Beide verdienen es, nicht als Nischenprodukte oder Buh-Männer, sondern als Blaupausen für eine digitale Zukunft verstanden zu werden, die uns hilft, dem Griff des Techno-Feudalismus zu entkommen.